Die Standardisierung von BPMN 2.0 steckt in der Finalisierungsphase. Fleißig werden schon die ersten Bücher darüber geschrieben, wie etwa von Bruce Silver (auf englisch) und von Jakob Freund (auf deutsch). Erste große Veranstaltungen zum Thema BPMN 2.0 fanden bereits statt, wie beispielsweise der BPMN 2.0-Abend der Berliner BPM-Initiative. Nun ist die Zeit der Tool-Hersteller gekommen. Sie müssen entsprechende Implementierungen liefern, denn erst bei einer Umsetzung der vielen Details können die letzten Widersprüchlichkeiten und Unklarheiten aus der Spezifikation verbannt werden.

Noch hat sich kein Tool-Hersteller vorgewagt, eine BPMN 2.0-Lösung der Öffentlichkeit zu präsentieren. BPMN 2.0 ist ja offiziell noch nicht abgeschlossen und wird wohl noch einige Monate auf sich warten lassen. Trotzdem gibt es im stillen Kämmerlein schon diverse Bemühungen bei der einen oder anderen Software-Schmiede.

BPMN 2.0 Conversation Diagram

Eine Herausforderung bei der Implementierung von BPMN 2.0 sind die beiden neuen Diagrammtypen, Conversation Diagrams und Choreographies. Neue Diagrammtypen, das heißt komplett neue Konstrukte und Verknüpfungsregeln. Bereits an dieser Stelle dürften wohl viele Tool-Hersteller ausscheren und sich damit begnügen, lediglich die bekannten Process/Collaboration Diagrams zu erweitern. Ein zusätzliches Ereignis-Symbol hier, ein weiteres Attribut da – fertig ist die Unterstützung für BPMN „2.0“. Der Standardisierungsgruppe von BPMN 2.0 war das bewusst und hat hier bereits vorgesorgt: In sogenannten Conformance-Klassen ist gruppiert, welche Teile der Spezifikation von einem Tool umgesetzt werden müssen und welche nicht.

Noch viel spannender als das Modellieren mit den drei Diagrammtypen (anstatt mit nur einem) wird allerdings noch ein weiteres Thema: Konsistenz zwischen den Modellen. Während bei BPMN 1.x Diagramme oft isoliert voneinander behandelt werden konnten (mal abgesehen von Prozesshierarchien, die mittels Subprozessen aufgespannt werden konnten), so handelt es sich bei BPMN 2.0 nun um einen Multi-Perspektiven-Ansatz. Beispielsweise wird die Struktur, die in einem Conversation Diagram definiert wird, in entsprechenden Choreographies oder Collaboration Diagrams verfeinert. Die Modelle stehen nun also noch stärker in Beziehung zueinander. Werkzeuge, die Diagramme als mehr oder weniger isolierte Dokumente ansehen, kommen hier ins Schwimmen. Wenn Beziehungen zwischen den Modellen nicht gepflegt werden können, dann wird die Konsistenzsicherung allein dem talentierten Modellierer überlassen.

BPMN 2.0 Choreography DiagramFür alle, die es nicht abwarten können, mit BPMN 2.0 zu experimentieren, gibt es nun endlich eine gute Nachricht. Der Tool-Anbieter Signavio arbeitet bei der Implementierung von BPMN 2.0 eng mit dem Hasso-Plattner-Institut zusammen. Der BPMN 2.0 Editor wird im Rahmen der BPM Academic Initiative nun der akademischen Community (und natürlich den Vordenkern von BPMN 2.0) zugänglich gemacht. So kann noch einige Monate in aller Ruhe evaluiert werden, wie die einzelnen Diagrammtypen sinnvoll miteinander verwendet werden können.

Ziel ist es, dass sämtliche Modellierungskonstrukte, Syntaxregeln und Attribute in dem Editor umgesetzt werden. Eine Syntaxprüfung lokalisiert Fehler in den Diagrammen. Als nächster Schritt folgt die Implementierung der Serialisierung. Ein fehlendes Austauschformat war bisher übrigens eine der größten Schwächen von BPMN 1.x. Mit Spannung darf also erwartet werden, wie konsequent die verschiedenen Hersteller den Standard umsetzen werden.

BPMN 2.0 Collaboration DiagramEinen guten ersten Eindruck des BPMN 2.0 Editors bekommt man über diesen Screencast. Er zeigt alle drei Diagrammtypen und die Wiederverwendung von Elementbezeichnern über verschiedene Diagramme hinweg. Interessierte können sich auf der akademischen Modellierungsplattform registrieren, welche pünktlich am 8.9.2009 zur BPM 2009 Konferenz in Ulm gelauncht wurde. Die beiden Hauptentwickler des BPMN 2.0 Editors, Sven Wagner-Boysen und Philipp Giese, freuen sich schon auf das Feedback der ersten Nutzer.

Mehr Details zur BPM Academic Initiative: Auf www.signavio.com/academic und in diesem Blog-Eintrag:

Watch BPMN 2.0 Screencast

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